27. Februar 2016
  PERSONLICHKEITEN   LEUTE VON HEUTE   Carl Djerassi
Carl Djerassi

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Meiner Freundin Karen Ostertag habe ich zu verdanken, dass ich einen der bedeutendsten Männer unseres Jahrhunderts persönlich habe kennen lernen dürfen. Eines Tages im Mai 2013, kündigte sie Ihren Besuch zusammen mit Carl Djerassi an. Sie wollte einige Portraits von ihm in meinem Studio machen. Ich konnte kaum glauben, dass dieser interessante, topfitte Mann fast 90 Jahre alt war. Die kostbare Zeit verging wie im Fluge. Wir hatten über alles Mögliche geredet, denn Carl interessierte sich für erstaunlich viel Alltägliches. Wir verbrachten einen schönen, unvergesslichen  Sommertag alle zusammen und haben viel gelacht. Einige Fotos davon sind hier im Artikel.

 

 Hier schreibt Karin Ostertag über Carl Djerassi

Djerassi war der Sohn eines Ärzte-Ehepaares. Seine Mutter Alice Friedmann war eine aschkenasische Jüdin aus Wien, sein Vater Samuel Djerassi ein sephardischer Jude aus Bulgarien. Beide Familien, väterlich- und mütterlicherseits, waren säkular. Durch ihre Heirat wurde seine Mutter bulgarische Staatsbürgerin. Carl Djerassi war von Geburt an ebenfalls bulgarischer Staatsbürger.

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Seine ersten Jahre verbrachte er in Sofia in Bulgarien. Als er fünf Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden und er kehrte mit der Mutter in seine Geburtsstadt Wien zurück. Dort erhielt sie ihre österreichische Staatsbürgerschaft zurück. Seine Mutter beantragte die österreichische Staatsbürgerschaft auch für ihren Sohn. Sie wurde Carl Djerassi jedoch nicht zugestanden, sodass er bulgarischer Staatsbürger blieb. Nach dem Anschluss Österreichs heiratete sein Vater seine Mutter ein zweites Mal, um Mutter und Kind die Ausreise zu ermöglichen, die zunächst zum Ehemann und Vater nach Bulgarien führte, von wo Djerassi und seine Mutter in die USA auswanderten. Auf seine Bitte stiftete ihm Eleanor Roosevelt ein Collegestipendium. Er studierte Chemie an der University of Wisconsin und promovierte 1945 in diesem Fach. Im gleichen Jahr erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Luis E. Miramontes und Djerassi gelang es Anfang der 1950er Jahre als Forscher für Syntex S.A. in Mexiko-Stadt, das Sexualhormon Norethisteron, ein Gestagen, künstlich herzustellen. Mit Gregory Pincus und John Rock entwickelten sie damit 1951 die erste Antibabypille. Ab 1959 lehrte Djerassi an der Stanford University. Als Wissenschaftler brachte er es auf rund 1200 Veröffentlichungen.

 

Der Wolf-Preis (Wolf Prize) ist ein seit 1978 an Wissenschaftler und Künstler von der Wolf Foundation vergebener Preis. Er wird vergeben für „Verdienste zum Wohle der Menschheit und freundschaftliche Beziehungen unter den Völkern“. Der Preis wurde gestiftet von Ricardo Wolf, einem in Deutschland geborenen Erfinder und früheren kubanischen Botschafter in Israel. Er wird in sechs Disziplinen vergeben und ist mit je 100.000 $ dotiert. In den Naturwissenschaften zählt er nach dem Nobelpreis und in der Mathematik nach der Fields-Medaille zu den angesehensten Preisen weltweit.

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Djerassi war dreimal verheiratet. Seine erste Ehe wurde 1950 geschieden. Aus seiner im selben Jahr geschlossenen zweiten Ehe, die 1976 ebenfalls in Scheidung endete, ging ein Sohn und eine Tochter hervor. Letztere beging 1978 Suizid. In dritter Ehe war Djerassi ab 1985 mit der 2007 verstorbenen Diane Middlebrook verheiratet, einer bekannten Biographin und Professorin der Stanford University. Erst 2004 erhielt Djerassi die österreichische Staatsbürgerschaft, weil dies „im Republiksinteresse“ sei und durfte seine amerikanische Staatsbürgerschaft behalten. Djerassi besaß eine umfangreiche Sammlung von Werken Paul Klees, die in einer Dauerausstellung im San Francisco Museum of Modern Art zu sehen sind und nach seinem Tod zur Hälfte in das Eigentum dieses Museums überging. Die andere Hälfte erhielt die Albertina in Wien. Carl Djerassi starb am 30. Jänner 2015 in seinem Zuhause in San Francisco im Alter von 91 Jahren an den Folgen einer Erkrankung an Leber- und Knochenkrebs.

© Wikipedia

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 Ein schwieriger Freund, aber  m e i n  Freund

von Karen Ostertag
CARL DJERASSI

Es fehlt, dass wir nicht mehr täglich hin und her mailen, egal, wo Carl sich gerade als unermüdlich Vortragsreisender und Lesender aus eigenen Werken aufhielt – er starb am 30. Januar; seine letzte Nachricht war „es geht mir schlecht“. Der Krebs war zu weit fortgeschritten, um noch beherrschbar zu sein. Nach drei Jahren des Hoffens und ungebrochener Zukunftsplanungen, angefüllt mit Arbeit bis zuletzt, war das Ende aller Illusionen erreicht. Seine Asche sollte, ebenso wie die seiner Tochter Pamela und die seiner 3. Frau Diane Middlebrook* in denselben Bach auf seiner Ranch** gestreut werden. So geschah es. Aber an der Trauerfeier mit hunderten von Gästen Anfang März will ich nicht teilnehmen. Dennoch soll hier die ergreifende Einladung dazu gezeigt werden, denn in WOODSIDE liegt seine riesige Ranch nahe San Francisco.

In der Folge lehrte und forschte er annähernd 50 Jahre an der Stanford University, von wo aus er mehr als 1200 wissenschaftliche Arbeiten publizierte. Inzwischen haben mehrere hundert Künstler von dieser Stiftung profitiert. Doch der Sinn für die Stiftung ist seiner Tochter Pamela gewidmet, die aus vermeintlichem Ungenügen als Künstlerin kapituliert hatte. Ihr Selbstmord mit 28 blieb das Trauma seines Lebens. Aber ich greife vor. Es lohnt sich mit dem Anfang unserer Freundschaft zu beginnen, denn sie war bei aller Kürze intensiv und begann Djerassi-typisch.

2012 wurden im Wiener Museum für Angewandte Kunst zum Thema Design und Gesundheit die von mir entwickelten Gehhilfen präsentiert. Das Plakat zur Ausstellung zeigte sie bereits am Eingang, und so konnte Carl sie nicht übersehen, als er in seine Ur-Heimat Wien kam, wo er neben weiteren in London und San Francisco ebenfalls ein Apartment besitzt. Diese Gehhilfen wollte er haben. Sofort. Sein Gehstock, den er wegen eines steifen Beines benötigte, reichte ihm nicht mehr. Daß seine Online-Bestellung nicht funktionierte, fand er empörend, er habe alles richtig gemacht! Schließlich stellte sich  heraus, dass sein amerikanisches Notebook nicht dafür eingerichtet war.

Carl Djerassis Bekanntschaft zu mir gestaltete sich hastig, als wolle er schnell noch alles unterbringen, was ihn ausmacht. So, als hätten wir nicht genügend Zeit einander kennen zu lernen. Ach was, ich  i h n  kennen zu lernen. Schon nach wenigen Tagen schickte er per Mail kontinuierlich Seiten um Seiten seiner „Allerletzten Autobiographie“, so, wie sie von der Übersetzerin bei ihm gerade reinkamen. Denn er schrieb in Englisch; damit fühlte er sich nach 75 Jahren in den USA sicherer. Prompt folgte ein heftiger Aufschlag, denn ich machte mich als routinierte Journalistin (die ich auch bin) sofort ans gründliche Redigieren dieser täglich eingehenden Texte. Die Korrekturverfolgungen und Umstellungen ganzer Absätze färbten seine Manuskriptseiten leuchtendrot. Welch ein Missverständnis! Ich sollte ihn doch kennen lernen. Nicht ihn korrigieren, das traue sich nicht mal sein Verleger! Doch schließlich schmückte diese Allerletzte Autobiografie eines meiner Portraits von ihm – so, wie auch sein letztes Buch, das vergangenen November bei Imperial Press erschien: From the Pill to the Pen

Er durchpflügte die erklärte Gemeinschaft eigener gesellschaftlicher Regeln auf höchstem Niveau, welche dem Spott vorausgeht, nach Regeln, die ihm letztlich egal waren und nach denen er nicht lebte. Im Gegenteil, er sammelte und erntete an den Rändern anderer Gemeinschaften, drängte sich in sie hinein und begann, diese auf sich zu konzentrieren. Anders wäre ihm langweilig geworden, und anderen Größen seiner eigenen Zunft traute er ohnehin nicht wirklich – und sie ihm nicht, wie er hinzufügte. Dazu war er zu unangepasst, zu wenig monotheistisch, zu engagiert und interessiert an vielen anderen Dingen. Beispielsweise an Musik und anderen Künsten. Seine Sammlung von Paul Klee-Werken, der umfangreichsten weltweit, ist legendär, ebenso seine Ankäufe von Kunstwerken, wo immer sie ihm ins Auge stachen.

Dafür spendierte Österreich ihm 2005 eine eigene Briefmarke als offizielles Postwertzeichen – und erstmals einen österreichischen Paß.

Es stellte sich nämlich heraus, dass Carl eigentlich gar kein Österreicher war, sondern Bulgare, wie sein Vater. Denn er war zwar in Wien geboren, floh aber zusammen mit seiner Mutter zum geschiedenen Vater nach Bulgarien, bevor er von dort aus später in die USA weiterreiste. Kaum dort angelangt wurde er aufgrund von Missverständnissen in den Übersetzungen seiner Papiere, aber ausgestattet mit einem blendenden Zeugnis des bulgarischen Gymnasiums, zum Studium zugelassen – mit 16! Ein wundervoller Coup, wie er fand, er hat dieses Mißverstädnis „selbstverständlich nicht aufgeklärt“. So war seine akademische Laufbahn voller Erfolge durchaus auch ein Durchlauferhitzer fürs Ego. Er erhielt zahlreiche Ehrendoktorate, und jeder einzelne war ein willkommenes Plus auf seiner Strichliste -, was er zwar bestritt, wohl aber konzedierte, dass ich etwas Recht haben könnte. Aber nicht zuviel.

Das 32. Ehrendoktorat verlieh ihm die Universität Frankfurt an seinem 90. Geburtstag. In seiner Dankesrede im vollbesetzten Hörsaal bemerkte er: Ich weiß, dass dieses Ehrendoktorat der Tatsache geschuldet ist, dass ich nun 90 bin. 31 andere Universitäten hatten vielleicht einen anderen Grund.“ Gerade von Frankfurt hatte er sich eine deutlich frühere Ehrung erwartet, nicht zuletzt, weil er wiederum den großen Sohn der Stadt verehrte, Theodor Wiesenthal, besser bekannt als Adorno, und in seinem Buch „Vier Juden auf dem Parnaß“ ein Denkmal gesetzt hatte – und damit auch der Stadt Frankfurt.
Djerassi war neben allem anderen vornehmlich Vortragsreisender. Keine Woche ohne Vortrag irgendwo auf der Welt. Entweder sprach er über die Pille, die Zukunft der menschlichen Fortpflanzung sowie der Chancen für berufstätige Frauen durch Einfrieren eigener Eizellen und Fortpflanzung ohne Sex, aber noch häufiger hielt er Lesungen, da er als Multiscribent Buch um Buch veröffentlichte: Autobiografien, Romane und Theaterstücke.*** Soweit innereuropäisch erreichbar, bat er mich hinzu; um zu hören und natürlich auch zu fotografieren. Und so erlebte ich, wie er selbst seine Wissenschaft, entgegen dem Credo der Gemeinschaft von Gleichen, zum Kern allgemeiner Betrachtungen machte. Sie wurde dadurch nicht ihrer Wahrhaftigkeit beraubt, erlebte aber in Djerassis Umrundungen oft fröhliche Ausschläge. Damit spielte er auch in seinen Theaterstücken, hier insbesondere in „Killerblumen“, der Geschichte eines nicht aufklärbaren Mordes: Es gibt Champagner im Kreise von Professoren der Chemie, aber zwei von Dreien sind schließlich tot. Der hinreißende Schluß, dass er selbst nicht weiß, wie man durch Addition des Perlenden im Champagner zu Tode kommen kann, gehört zu Djerassi-typischen Pointen. Man vermisst die Aufklärung des Mordes nicht, dafür lernt man einiges über die Entstehung von Champagner und die ungeheure Bedeutung der Größe der einzelnen Perlen sowie deren mengenmäßiges Vorkommen.

Für ihn war ich eine wunderbare Projektionsfläche, und ich war sehr bereit, sie zu sein. Ein kleiner großer Mann entfaltete all seinen Charme, nur, damit ich ihm zuhöre und tunlichst bewundere. Zu einer seiner Zwischenstationen bei mir brachte er folglich ein Video mit, das ein österreichischer Sender erst kürzlich vom ihm gedreht hatte. Blöd nur, dass nach mehreren Schleifen, und nachdem ich ganze Textpassagen des Videos auswendig sprechen konnte, das Ding immer noch im Gerät festsaß. Verheerend. Als echter Wiener liebte er alle Arten von Mehlspeisen, insbesondere Germknödel mit Mohn und Vanillesoße. Jedesmal, wenn er für längere Zeit in San Francisco oder in seinem Londoner Apartment war, vermisste er diese gaumenverklebende Grundnahrung. Da die Einfuhr jeglicher Lebensmittel in die USA nicht möglich ist,  musste er oft über Monate bis zur nächsten Heimkehr nach Wien darauf verzichten. So kam ich auf die Idee, ihm zu seinem 89. Geburtstag Germknödel nach San Francisco zu schicken – mit dem diplomatischen Dienst. Mein Freund, Dr. Hanns Schumacher, heute Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen in Genf, leitete das zähneknirschend in die Wege und auch nur, „weil es sich um Carl Djerassi handelt“. Er müsse die Knödel als Diplomatengepäck zum deutschen Generalkonsulat nach San Francisco schicken. Ein Generalkonsul sei aber generell nicht dazu da, einfuhrverbotene Dinge im Empfang zu nehmen und gar weiter zuleiten! Nun ja.

Doch dem wiederum erschien es als große Ehre, Prof. Djerassi die Knödel mit Vanillesoße und Mohnpaste persönlich vorbei zu bringen; leider war Carl nicht zuhause, aber er fand sie kurz darauf vor seiner Tür. In diesem Moment, den er sehr genossen hätte, befand er sich mit seinem Personal Trainer in der Tiefgarage, wo er mit Battle Ropes, einer Art um Säulen gewundenen Endlosstricks, seine äußerst anstrengende Körperertüchtigung betrieb. Seine Überraschung und seine Freude waren jede Mühe wert. Carl beeilte sich, sein jüngstes Buch handsigniert dem Generalkonsul persönlich vorbeizubringen – nachdem er die Knödel gegessen hatte.

Carl, ich werde Dich vermissen!
Einen Mann, der ein Buch veröffentlichte mit dem Titel „How I beat Coca Cola“ muß man vermissen.

© Karen Ostertag

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Der intellektuelle Polygamist Djerassi, der in den 60er Jahren seinen ersten Klee „Pferd und Mann“ für 18.000 Dollar erwarb, hat inzwischen einen Teil seiner großen Klee-Sammlung dem „Museum of Modern Art“ von San Francisco überlassen.

 

Albertina, Wien Ausstellung Paul Klee Formenspiele im Jahr 2008

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© VBK, Wien 2009 / Albertina, Wien – Promised gift of the Carl Djerassi Art Trust II

 

Von den ca.160 Werken von Paul Klee der Sammlung Djerassi wurden im Jahr 2008 der Albertina 69 Arbeiten überant- wortet, der andere Teil ging an das San Francisco Museum of Modern Art. Damit verband Carl Djerassi zwei wichtige Lebensorte: Wien – seine Geburtsstadt – und San Francisco – die Stadt, die ihm nach der Emigration aus dem national- sozialistischen Österreich zuerst Zuflucht und dann Heimat bot.

Entnommen aus Albertina > Sammlung Djerassi (Pressebericht)

Source: http://www.sfmoma.org/about/about_news/996#ixzz3SrUZxAET
San Francisco Museum of Modern Art

Die letzten Jahre seines Lebens war Karen eine enge Freundin von Carl. Dieses Foto entstand bei einem Besuch in meinem Haus im Mai 2013

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©Foto Rita Kohmann

 

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©Caliriko