28. April 2015
  PERSONLICHKEITEN   LEUTE VON HEUTE   Mit der Kuh auf Du und Du
Mit der Kuh auf Du und Du

Otto Wollspinner

Auf meinen Spaziergang mit den Hunden, fiel mir ein Mann mit einer Kuh auf. Nun, dies ist hier auf dem Lande nichts Ungewöhnliches, noch dazu, dass er von weitem wie der Almöhi, Heidis Großvater aussah. Das lag vermutlich an seinem langen weißen Bart und der Kleidung.

 

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Na ja, dachte ich das erste Mal, dieser Mann bringt die Kuh von einem zum anderen Ort. Wir begegneten uns von da an mehrmals und ich bekam ob meiner Theorie, bezüglich des Transportes der Kuh meine Zweifel. Eines Tages sprach ich ihn an. Er erzählte mir, dass er die Kuh, die Petra heißt spazieren führt, da sie sonst den ganzen Tag im Stall stehen müsse, bis endlich der Frühling kommt und die Wiesen grün sind, damit sie auf die Weide kann.

 

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Wir stellten uns einander vor und im Laufe der Zeit erfuhr ich mehr über diesen hochinteressanten Mann. Sein Name ist Otto Wollspinner, er ist Tier- und Naturliebhaber, Nachtwächter im Prinzregenten Theater in München, hat hier auf dem Land ein Haus, in dem u.a. ein Besenmuseum ist, einen Wald mit Stall für die Kuh, ist periodischer Künstler und versucht seiner Lebenseinstellung auch zu leben, nämlich auf Unnötigem und weitgehend auf Technik zu verzichten. Jede freie Minute verbringt er in freier Natur. Otto erzählte mir nach und nach aus seinem Leben. Unter anderem gab er mir die DVD mit dem Film den der Bayrische Rundfunk unter „Lebenslinien“ vor einigen Jahren gebracht hat. Darin erfuhr ich bildlich noch mehr über sein außergewöhnliches Leben. Ich war fasziniert von diesem Mann.

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Er war einverstanden, dass ich ihn und die Kuh Petra im Frühsommer fotografiere. Da ich viel auf Reisen war, dauerte es einige Zeit, den genauen Zeitpunkt dafür, nach unserer Beiden Terminkalender fest zulegen. Aber dann war es endlich so weit und ich kann im Nachhinein sagen, dass mir dieses Fotoshooting mit Petra weit mehr Spaß machte, als oft eines mit einem meiner menschlichen Fotomodelle. Ich begleitete Otto auf einem Spaziergang mit seiner Kuh. Dieser dauert gewöhnlich 5 bis 6 Stunden. Petra wird an einem Strick geführt, wie ich meinen Hund an der Leine führe. Wenn sie stehen bleiben will um z.B. zu Grasen, wartet Otto geduldig und irgendwann legt sie sich zum Wiederkäuen hin und Otto spielt ihr auf seiner Flöte etwas vor. Ganz gemütlich geht es zurück zum Stall oder im Sommer auf die Weide. Zum Abschied bekommt Petra Äpfelchen zum Naschen, die sie sehr liebt. Noch mehr genießt sie es, an manchen Tagen gestriegelt zu werden. Von nun an habe ich immer 2 bis 3 Äpfel in der Tasche, wenn ich da spazieren gehe, wo Petra wohnt.

 

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In dem Film vom Bayrischen Fernsehen aus der Aktuellen Serie „Lebenslinien“ von Tom Fleckenstein wird das Leben von Otto Wollspinner eindrucksvoll nach erzählt und von Kameramann Rupert Heilgemeir mit sensiblen, faszinierenden Bildern sichtbar gemacht.

 

 

Das Leben von Otto Wollspinner

 

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Fotos©Rita Kohmann

Als Sohn eines Elektro-Ingenieurs und einer Krankenschwester wurde er 1950 in Garmisch geboren. Seine Eltern trennten sich und Otto wuchs bei der strengen Mutter auf. Seine Liebe zur Natur verdankt er seinem Stiefvater, zu dem er ein enges Verhältnis entwickelte. Nach seinem Abitur, das er in Nürnberg, dem damaligen Wohnsitz ablegte, studierte er in München 4 Semester Forstwirtschaft. Dort lernte der Student die schöne Mexikanerin Hilda kennen und heiratete sie. Die Ehe hielt nur ein Jahr und Hilda ging zurück nach Mexiko.

Otto überdachte sein Leben neu. Es war die Hippie Zeit und man wollte sich vom bürgerlichen Leben absondern. Er war fasziniert von der Autarkie und wollte mit aller Konsequenz als Selbstversorger leben.

Otto war in den 70er Jahren einer der ersten Aussteiger. Das ermöglichte ihm eine Kommune im Schwäbischen, die Wollstube, die Schafe züchtete und was sie zum Leben brauchten von diesen Tieren geliefert bekamen.  Dort begegnete er der Mutter seiner Tochter. Otto war glücklich mit dem Leben dort und freute sich auf seinen Nachwuchs, der sich bald einstellte. Natürlich war es eine Hausgeburt, bei der er selbst dabei war dabei.

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Fotos aus dem Film: „Mehr als nur ein Nachtwächter…“ aus Lebenslinien vom BR

 

Er war den ganzen Tag mit Leidenschaft am Arbeiten auf dem Feld, bei den Schafen und nicht zuletzt  beim Verarbeiten der Wolle. Er lebte in seiner eigenen Welt und merkte nicht, dass er sich dadurch immer mehr von seiner Lebensgefährtin, die sich vernachlässigt vorkam, entfremdete, bis es schließlich zum Bruch kam.

Otto ging in die Schwäbische Alp und traf dort ein Ehepaar, ehemalige Studienräte, die genau das Model lebten, das er für sich wollte. Er blieb ein ganzes Jahr für Kost und Logie dort, denn das Paar konnte sich keine Helfer leisten. Sie fingen mit Nichts an. Otto lebte dort im Bienenhaus und schlief in seinem Schlafsack auf dem Heu, Sommer wie Winter bei bis zu 16 Grad minus. Gott sei Dank wärmte ihn seine Katze, die mit im Schlafsack schlief. Sie war sein Thermometer, je tiefer sie hinein kroch, desto kälter war es.

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Der rote Otto, wie ihn die Dorfbewohner nannten war eine Attraktion. Hier das aus Holz einfachst gezimmerte Bienenhaus, das seine Unterkunft war.

 

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Viele jahre später kam Otto mit dem Filmteam für Lebenslinien im BR wieder zurück. Das Bienenhaus existiert immer noch. Wir sehen, Otto ist seinem Stil treu geblieben, innerlich wie äusserlich. Einige Dorfbewohner konnten sich noch lebhaft an den Exoten erinnern und freuten sich über das Wiedersehen.

Nach der Zeit in der Schwäbischen Alp, in der Otto alle 4 Jahreszeiten erlebte, wollte er genau wie seine Gastgeber eine Schafzucht gründen. Er hatte alles dazu Notwendige dort erlernt. Er machte sich mit einem Schaf-paar und einem Pony zu Fuß auf den Weg nach Südfrankreich. Er wollte den totalen Neuanfang und alles hinter sich lassen.

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Unterwegs schlief er in Scheunen oder verdiente sich etwas Geld beim Schafe scheren. Leider scheiterte der Plan schon an der Grenze zu Frankreich, denn Schafe durften nicht eingeführt werden. Otto verkaufte die Tiere und legte sich ein Fahrrad und einen Hund zu um die Rückreise nach München anzutreten, nachdem er noch einen Freund in den Pyrenäen besucht hatte.

 

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Er wollte zurück in die Stadt die er kannte und erinnerte sich daran, dass er Geld verdienen müsse, um zum Lebensunterhalt seiner Tochter bei zu steuern. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, da er, der sein Studium damals im 4. Semester abbrach, ohne Ausbildung war. Als Sprungbrett diente das ungarische Restaurant im Haus der Kunst, wo er als Spüler arbeitete. Als der Nachtwächterposten im Haus der Kunst neu vergeben wurde,  hatte er das Glück, genommen zu werden. Für Ihn gabt es nichts Schöneres, als mit all den Kunstwerken Nachts alleine zu sein, denn schon immer spürte er künstlerische Ambitionen in sich. Tatsächlich startete er eines Nachts ganz für sich alleine ein Happening, indem er sich nackt mit den Bildern einer Ausstellung ablichtete und es entstand eine außergewöhnliche Sequenz.

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Bild aus der Sequenz, Otto mit Kunst.

 

Diese Aktion verlieh ihm die Courage, sich  im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung zu bewerben. Seine Idee, die wieder seines Erwartens angenommen wurde, war wahrlich außergewöhnlich. Er wollte sich im Laufe der Ausstellung selbst wie eine Spinne einspinnen, ein Haus aus selbstgesponnenen Wollfäden.

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Seit diesem erfolgreichen Kunstprojekt trägt er den Künstlernamen Wollspinner. Während seiner vielen Nachtwachen, hat er stets Wolle mit der Spindel versponnen. In einer Nacht fertigte er 1/2 Kilo Schafwolle, aus die er nicht nur im Winter zu Hause wunderschöne Pullover und Ponchos strickte, sondern auch die 45 minütige Zugfahrt von München nach Hause nutzte.

Im Sommer war er ausschließlich in freier Natur. Er errichtete sich in hohen Fichten ein Baumhaus in dem er auch schlief. Zu Besuch kamen Siebenschläfer und ab und an hüpfte eine Drossel über seinem Schlafsack.  Er meint, man könne nicht ermessen, welch unbeschreibliches Glücksempfinden es sei, so verbunden mit der Natur zu leben. Er nahm in all der Zeit über 250 verschiedene Vogelstimmen auf Band auf.

Jeden Tag fährt Otto zu dem 2 km entfernten Stall seiner Kuh Petra, um sie spazieren zu führen, zu striegeln und ihr ab und an ihre geliebten Äpfelchen zu füttern.

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Ich kann gar nicht auf einmal all das Außergewöhnliche oder Künstlerische beschreiben, was dieser Mann mit einer Hingabe und Konsequenz gemacht hat. Deshalb habe ich beschlossen, dies auf mehrere Artikel aufzuteilen, da die Vielschichtigkeit seiner Aktionen es verdienen, sich eingehender damit zu Beschäftigen.

Otto lebt seit Jahren in seinem Haus im Pfaffenwinkel, 56 km südlich von München. Die ganzen Jahre pendelte er 4 Tage die Woche nach München zur Arbeit als Nachtwächter im Prinzregenten Theater. Er kümmert sich zuverlässig um die Kuh Petra, der er einen frühen Tod durch den Schlachter ersparte. Sie sollte getötet werden, da ihre Hufe nicht den Maßstäben entsprach. Ich konnte keinen Unterschied zu anderen Kühen erkennen. Lange hatte Petra eine Gefährtin namens Bella, die auch von Otto ihr Gnadenbrot bekam und somit noch 6 Jahre ein schönes Leben hatte.

Wie schön, dass es Menschen wie Otto Wollspinner gibt!

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Fotos und ©Rita Kohmann und Lebwenslinien-Bayrischer Rundfunk

 

 

aus dem Film

„Otto Wollspinner, mehr als ein Nachtwächter“ – in Lebenslinien vom Bayrischen Fernsehen